Kategorie "Safari", 30.1.2016 - Stefan Hollmann - This article in English language
Geändert 31.1.2016

Das wahre Gesicht der Natur: Unser erster "Lion kill"

Pirschfahrten oder "game drives" sind meistens sehr friedvoll. Man sieht junge Elefanten, die neben einem auf der Straße herumtollen, eine elegante Giraffe, wie sie gemächlich Blätter eines dornigen Busches verzehrt, und eine lustige Warzenschweinfamilie, die an einem vorbei spaziert. Aber was man manchmal auch zu sehen kriegt, ist ein sog. "lion kill": Löwen, die ein Tier reißen - und fressen. Ein brutaler Teil der Natur, aber ein großer. Es ist ein Nervenkitzel, aber wenn Ihr ihn seht wie wir ihn erlebt haben, wird Euch vielleicht auch mulmig...

Warzenschweine im Kapama Private Game Reserve

Vor ein paar Jahren verbrachten wir einige Tage im Kapama Private Game Reserve. Ein Teil unseres Aufenthaltes betraf mein Geburtstagsgeschenk für Claudia: Ein Elefantenritt im Jabulani Elephant Camp, das in Kapama liegt. Aber das ist eine andere Geschichte; die Erfahrung, die ich heute mit Euch teilen möchte betrifft unseren ersten "lion kill", wie der Ranger sagt.

Bis dahin hatten wir noch nie gesehen, wie ein Löwe ein Tier gerissen oder gefressen hat. Doch eines Morgens in Kapama, direkt an den Krüger Nationalpark angrenzend, nur einige Kilometer von Hoedspruit entfernt, passierte es. Wir hatten noch keine spektakulären Tiere gesehen auf unserer frühmorgendlichen Safari (vor dem Frühstück!) - einige immer noch schlafende Marabus in den Bäumen, einen Schakal, der vorbeischaute, sonst nichts besonderes - bis plötzlich ein Rudel Löwen die Straße überquerte.

Löwenrudel im Kapama Private Game Reserve

Unser Ranger erklärte uns, dass es sich um drei Löwinnen und drei Jungtiere handelte, die auf der Straße spielten. Für mich waren es einfach allesamt richtig große Löwen... Einige schauten in unsere Richtung und schienen unseren Tracker (ihr wißt schon: den Mann vorne auf dem Präsentierteller am Wagen) zu beobachten, und Ihr könnt Euch das Gefühl vorstellen, das mich dabei beschlichen hat. Würde man nicht in dem Auto sitzen, könnte man den Löwen sehr leicht zum Opfer fallen. Da laufen einem richtig Schauer über den Rücken…

Die Löwen verließen die Straße und verzogen sich in den Busch und das hohe Gras, aber unser Ranger fuhr off-road hinter ihnen her. Nur in den privaten Reservaten fahren die Ranger off-road, um die Touristen nahe ans Geschehen heran zu bringen. Plötzlich hielten die Löwen inne und schauten allesamt in ein und dieselbe Richtung. "Da ist eine Erdhöhle mit Warzenschweinen", sagte der Ranger, aber ich konnte nichts erkennen...

Und dann ging alles rasend schnell. Ein Warzenschwein schaute aus der Höhle heraus, sah die Löwen, geriet in Panik und rannte davon. Eine ganze Warzenschweinfamilie verließ das sichere Erdloch und versuchte, den hungrigen Löwen zu entkommen, die sofort zur Jagd ansetzten... Alles endete genauso schnell wie es begonnen hatte.

Löwen auf der Lauer, Kapama Private Game Reserve

Sie erlegten alle Warzenschweine innerhalb weniger Sekunden. Eine Löwin legte sich unter einen Busch und begann an ihrem Opfer herumzureißen. Das war schon kein schöner Anblick, aber das Schlimmste war mit anhören zu müssen, dass ein Warzenschwein noch lebte, als die Löwen bereits begonnen hatten, es zu fressen...!

Löwin frisst erlegtes Warzenschwein, Kapama Private Game Reserve

Die Geräusche, die Schreie, das Quieken - schrecklich. Die Todesangst des Tieres war förmlich zu spüren. Da war das arme Schwein (jetzt wissen wir endlich, woher der Spruch kommt...) und schrie die ganze Zeit wie am Spieß, während die drei Jungtiere es zu töten versuchten. Und die Löwen knurrten und fauchten ohne Ende dabei. Glücklicherweise (!) konnten wir die Szene im hohen Gras nicht genau sehen. Unser Ranger erklärte uns, dass die drei immer noch dabei waren, das Töten zu lernen, und lachte sich kaputt über sie: "Die schaffen es einfach nicht, das Schwein zu töten!"

Niemandem sonst war zum Lachen zumute. Alle in unserem Geländewagen (es waren noch vier weitere Touristen dabei) waren sprachlos, wenn nicht sogar geschockt. Die Schreie des Warzenschweins schienen nicht enden zu wollen, und so verließen wir die Stelle nach scheinbar unendlichen 10 Minuten oder so...

Irgendwo begann ein Vogel zu zwitschern.

"Das war nur ein kleiner Snack zum Frühstück", teilte uns der Ranger mit. "Sie brauchen viel mehr. Die Warzenschweine hätten in ihrem Bunker bleiben sollen - da waren sie sicher." Zurück in der Lodge war ich sehr überrascht, dass mir der Frühstücksschinken doch noch geschmeckt hat...

Löwin

Wir sahen hier die Natur in einer Weise, wie man sie nicht oft erlebt. Natur ist eben nicht nur schöne Landschaften und bunte Blumen, sondern auch der tägliche Kampf ums Überleben; das wurde uns vor Augen geführt. Seitdem hat der Slogan "It's nature!" einen besonderen Platz in unserem Wortschatz...